Pressebericht: Klaus-Dieter Schreiter, Erlanger Nachrichten vom 04.08.2012  
„Das ist die schönste und kreativste Haftzeit“
Der 55-jährige Gefangene Werner in Nürnberg repariert historische Feuerwehr-Drehleiter aus dem Jahre 1936
 

ERLANGEN/NÜRNBERG - Eigentlich ist die aus dem Jahre 1936 stammende Feuerwehr-Drehleiter reif für die Schrottpresse gewesen. Doch zufällig hat der zweite Vorstand des Feuerwehrvereins, Stephan Neubauer, davon gehört, dass in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg Spezialisten einsitzen, die das historische Stück retten können. Nun erstrahlt es in neuem Glanz und soll auch bald der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 
     

In Gotha ist die 76 Jahre alte Drehleiter erstmals eingesetzt worden, wurde dann grün lackiert und einem Feuerschutz-Regiment der Polizei in Sachsen überstellt. Im Zweiten Weltkrieg hat man sie nach Rumänien verfrachtet, um mit ihr Brände auf den Ölfeldern zu löschen. Auf dem Rückzug aber wurde sie in einem Wald bei Hof vergessen.

 

Dort fand sie der spätere amerikanische Stadtkommandant von Erlangen, der auch Feuerwehrmann in New York gewesen war. Weil es in der Hugenottenstadt kein Feuerwehrfahrzeug gab, weiß Stadtbrandinspektor Peter Walz, hatte man sich damals einen Leichenwagen geschnappt und das marode Gefährt nach Erlangen geschleppt. Nach etlichen Reparaturen war es seit 1968 aber nicht mehr brauchbar, wurde in Kosbach abgestellt, und vergammelte zusehends.

 
 
 

Der Gefangene Werner (55), der alles in mühsamer Handarbeit selbst gemacht hat, putzt hier noch einmal sorgfältig den Mercedes-Stern, den er gerade hergerichtet hat.                                    

PRESSEFOTO: Klaus-Dieter Schreiter

 

 

Spezialisten vom Hersteller Mercedes Benz wollten das Auto zwar herrichten, gaben aber schnell auf, und so vergammelte die alte Kiste weiter. Bis Stephan Neubauer den Schreinermeister Reiner Meier traf, der in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg (JVA) die Schreinerwerkstatt leitet.

 
 

Als der von dem Feuerwehrfahrzeug hörte, bot er sogleich seine Hilfe an, und nach einer Besichtigung durch seine Fachleute war klar: Die historische Drehleiter wird dort restauriert. Das THW brachte sie auf einem Tieflader hin, und nun ist der Gefangene Werner (55) für sie verantwortlich. Viereinhalb Jahre muss er wegen eines Rauschgiftdelikts einsitzen und ist hellauf begeistert, dass er so eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen bekommen hat.

 
 

Er ist von Beruf Schreiner-, Maurer- und Kfz-Meister mit Schweißausbildung, und strahlt: „Das ist die schönste und kreativste Haftzeit, die ich je gehabt habe“. Rund 18 Monate muss er noch einsitzen, und grinst: „Sie können mich ruhig fotografieren, mein Foto ist als Fahndungsbild überall bekannt“. Aber die Chefin der JVA, Renate Schöfel-Sigl, erlaubt das nicht.

 
     
 
Drehleiter verboten

 

Bis auf die letzte Schraube hat Werner das Auto zerlegt, zehn Monate lang alle Holzaufbauten neu gebaut, die Elektrik repariert, und auch den Motor. Nur die 26 Meter lange Drehleiter auf Vordermann zu bringen, wurde ihm verboten. Denn die durfte aus verständlichen Gründen nicht hinter die hohen Mauern. Sie wird darum beim ursprünglichen Hersteller restauriert. Das Lackieren wurde dann in der JVA-eigenen Lackiererei gemacht, wo jetzt noch die Türen hergerichtet werden.

Werner wird bald fertig sein mit seiner Arbeit. Und dann? Er zuckt mit den Schultern. Aber immerhin bringt ihm das große Engagement einige Vorteile bei den Haftbedingungen. „Die Freude merkt man ihm an“, freut sich auch die JVA-Chefin Schöfel-Sigl.

So eine Arbeit steigere auch die Motivation für das Leben nach der Entlassung. Die feierliche Präsentation „seiner“ nagelneuen, historischen Drehleiter in Erlangen im Herbst wird Werner allerdings nicht erleben dürfen. Da sitzt er dann noch ein.

 

 

Stadtbrandinspektor Peter Walz inspiziert die frisch lackierten Türen mit dem Erlanger Stadtwappen.

PRESSEFOTO: Klaus-Dieter Schreiter
 
     
     
 
QUELLE:  
PRESSEBERICHT:  Klaus-Dieter Schreiter, Erlanger Nachrichten vom 04.08.2012
PRESSEFOTOS:  Klaus-Dieter Schreiter
 
 

(Startseite)                                   (Presseberichte 2012)                             (Alarmierungen 2012)

© Freiwillige Feuerwehr Erlangen-Stadt 2012